26/08/2022

 Dem Ingenieur ist nichts zu schwer. Meditieren schon?

Warum Menschen aus dem Ingenieurberuf unbedingt meditieren sollten. Und warum gerade ihnen es so schwerfällt.

“Dem Ingenieur ist nichts zu schwer.” Doch wenn er meditieren soll, hat er schon eine kleine Blockade. Ich jedenfalls hatte eine grosse.

Ich bin ganz ehrlich. Wäre der Leidensdruck damals nicht so hoch gewesen, wäre es mir während meinem Burnout nicht auf allen Ebenen dermassen schlecht gegangen: ich hätte nie begonnen zu meditieren. Nie, nie, nie. 

Du findest es auch unnötig? Liest du hier neugierig mit, weil du im Grunde nur Bestätigung suchst, dass du Meditation weiterhin überflüssig finden kannst? Das verstehe ich, glaub mir.

Wir ticken wahrscheinlich recht ähnlich und ich kann deine verschränkten Arme in Abwehrhaltung bis zu mir hier in Winterthur spüren. 

Lass sie ruhig da sein, das ist nicht schlimm. Keine:r muss meditieren, wenn sie oder er es blöd findet. 

Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, gezielte Entspannungsübungen und ein freier Kopf tun allen Menschen gut, doch gerade dir und mir, mit einem beruflichen Background, der so viel von uns abverlangt. 

Denn wer im technischen Bereich oder Ingenieurwesen tätig ist oder war, weiss, dass es genau die Eigenschaften sind, die uns für diesen Beruf auszeichnen, die uns sehr viel Energie kosten:  Disziplin, Ordnungsliebe, Genauigkeit und die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse dem grösseren Zweck unterzuordnen. Dafür brennen wir. Manchmal auch aus. 

Wenn ich die chaotisch eingeräumte Spülmaschine mit schmutzigem Geschirr bei meinem Schatz komplett ausräume, um sie wieder ordentlich und mit System – ich liebe System – einzuräumen, dann nicht um meine Liebste zu ärgern, sondern weil Ordnung das Leben so viel leichter macht. Für alle. Stimmt´s? Wir ergeben uns dem Kollektiv und fühlen uns wohl, wenn der Rahmen Chaos verhindert. 

Ich mag das Gefühl die Dinge , ja sorry auch die Spülmaschine, im Griff zu haben. Chaos und Kreativität haben im Alltag nichts verloren und sind eine Bedrohung meiner Stabilität. Ich mag Methoden. 

Und dann ist da noch das Ding mit der Leistungsbereitschaft. 

Wir packen uns Aufgaben auf den Schreibtisch, obwohl die bereits da liegen schon für Überstunden reichen. “Nein” sagen fällt uns schwer. Wir wollen leisten und sind überzeugt, dass wir für das, was wir täglich auf der Übungsmatte des Lebens tun, eine Belohnung verdient haben. Ich leiste, also bin ich. 

Das alles zeichne ich natürlich überspitzt und ich möchte niemanden, auch dich nicht, in kategorisierende Ingenieur-Schubladen stecken. Es geht mir mehr darum, Tendenzen zu beschreiben, die ich bei mir und meinen Kund:innen wahrnehme und auch eine Erklärung zu finden, warum es Menschen gibt, denen die Entscheidung, mit Meditation zu beginnen, schwerer fällt als anderen.

 

Denn wenn es mir gelingt, dir deine Vorbehalte bewusst zu machen, kannst du sie vielleicht auch besser verstehen und deine Zweifel beiseite legen. 

Was könnten deine Vorbehalte sein?

“Ich sitze sicher nicht im Schneidersitz auf einer Matte!”

Ja, es stimmt, es ist am Anfang nicht gerade bequem, mit verknoteten Beinen und aufrechtem Rücken auf dem Boden zu sitzen. Ich habe mich daran gewöhnt und bin durch das tägliche Sitzen geduldiger und beweglicher geworden. Die gute Nachricht: Wenn du Meditation wirklich ausprobieren willst, kannst du einfach auch auf einem Stuhl sitzen, liegen oder sogar im Gehen deinen Fokus nach innen richten. Der Schneidersitz ist keine Pflicht. 

“Wer meditiert, macht nichts, sitzt nur faul rum.”

Meditieren heisst nicht, nichts leisten. Wer meditiert, still sitzt und die Aufmerksamkeit nach innen lenkt, ist hoch effektiv.  Wenn wir meditieren, bündeln wir ganz bewusst Energie und lassen unsere Gedanken nicht wild hin und her schwirren. Das Paradoxe daran ist, je geübter du meditierst und es schaffst, deine Gedankenketten zu durchbrechen, umso leistungsfähiger bist du danach in deinem Alltag. Denn meditieren schenkt dem Geist echte Erholung. Kein Kaffee kann, was ein echter und tiefer Moment der Erholung während einer Meditation schafft. Ich verspreche dir, dein Kopf macht Purzelbäume, wenn du ihm erlaubst, einmal am Tag für 10 Minuten ans Meer zu reisen oder in die Berge. Hauptsache dorthin, wo er nicht denken muss. 

“Ich habe Angst vor dem, was passiert, wenn ich meditiere.”

Hinter diesem Gedanken steckt die Befürchtung, die Kontrolle zu verlieren, die wir vermeintlich so gerne haben. Ich sage bewusst vermeintlich, denn zu denken, wir hätten die Kontrolle über unsere Gedanken und unser Leben ist ein Trugschluss. Wir sind nicht in der Lage, mehr als einen kleinen Bruchteil (es sind um die 2%) unserer Gedanken bewusst wahrzunehmen. Die restlichen Gedanken wirken im Untergrund, lenken unsere Entscheidungen und sind völlig ausserhalb unserer Kontrolle. 

Das Gute ist: Je geübter du im Meditieren bist, desto besser wirst du in der Wahrnehmung, was bei dir im Untergrund läuft. Stell dir deinen Geist wie einen klaren Bergsee vor. Wenn es stürmisch ist und der Wind die Wellen aufwühlt, kannst du schlecht in die Tiefe blicken, das Wasser ist trüb und lässt dich nichts erkennen. Ganz anders, wenn es ruhig und windstill ist. Dann kannst du Fische durch das klare Wasser schwimmen sehen und siehst auf den Grund. Meditieren heisst, die Oberfläche deines Geistes zu beruhigen und aus belastenden Gedankenspiralen auszusteigen. Du verlierst nicht die Kontrolle, du gewinnst sie. 

Warum bin ich heute ein glühender Verfechter dieser Entspannungstechnik, brenne für das Thema “Burnout Prävention” und wie habe ich es damals trotz meiner Abneigung geschafft, mich auf eine Yogamatte zu setzen und 10 Minuten still zu sitzen?

Eine Form der Meditation, der “Mönchsgang”, war damals der Durchbruch auf dem Weg zu meiner Genesung. Als ich ganz langsam, intensiv hörend, sehend und riechend durch den Wald gegangen bin, wurde mir plötzlich klar, wie lange ich meine Sinne nicht mehr aktiv genutzt und sie vernachlässigt habe. Ich war immer nur am denken, denken, denken. Selbst wenn ich Sport gemacht habe, war ich meinen Gedanken an den Job und an den Alltag unbewusst ausgeliefert. Ich war mit meinem Kopf ständig in der Zukunft. “Wie erledige ich dieses Projekt am besten?”, “Was steht morgen auf der Agenda?” und “Wie leiste ich so, das alle mit mir zufrieden sind?” Ungefähr so. 

Es brauchte damals eine bewusste Entscheidung, aus diesem Gedankenkarussell auszusteigen. Das gelang mir mit meditieren. 

Habe ich dich jetzt doch ein bisschen neugierig gemacht?

So steigst du leicht in die Welt der Meditierenden ein

Mönchsgang

Du kannst es machen wie ich damals: nimm dir bewusst Zeit in der Natur, am besten alleine, und konzentriere dich auf deine Sinne. Was hörst du? Was siehst du? Was schmeckst du? Dabei ist eines ganz wichtig: Lass deine Urteile und Bewertungen los. Nicht: “Schade, hier wurde ein Baum gefällt.” Sondern: “Ah, das ist Baumstumpf.” Versuche in deinen Gedanken einfach nur zu beschreiben, als ob du es zum ersten Mal siehst, hörst und schmeckst und keine Ahnung hast, was es bedeutet.

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Das ist eine super  Meditationsanleitung für Menschen wie uns: Such dir eine bequeme Position im Sitzen und schliesse deine Augen. Beim Einatmen denkst du an eine Null, beim Ausatmen an eine Eins. Es gibt nur diese zwei Signalzustände in deinem Geist, als wärest du ein Schaltkreis. Fokussiere dich auf diese Technik für 5 Minuten. Damit trickst du deinen Gedankenstrom aus und hast vielleicht auch nicht so sehr das Gefühl von Kontrollverlust. Ich mag diese Technik sehr. Sie schenkt dir Erholung und einen freien Kopf.

Bodyscan

Das ist die aller-, wirklich aller einfachste Übung, um sofort aus deinem Kopf in deinen Körper zu kommen. Mach diese Übung unbedingt, wenn du akuten Stress hast oder in Momenten, wenn du nicht weisst, was du vor lauter ToDos als nächstes tun sollst. Such dir wieder ein bequeme Position im Sitzen und schliesse deine Augen. Nimm einen tiefen Atemzug und fülle deinen Brustraum mit Sauerstoff, richte dich auf. Dann lass den Atem aus deinem geöffneten Mund fliessen und lass alle Anspannung los. Richte deine Aufmerksamkeit auf deine Füsse, schau nach, wie es deinen Füßen geht. Sind sie warm? Eher kalt? Wie fühlt sich der Schuh an, in dem sie stecken? Kannst du den Boden spüren? Kribbelt es vielleicht in den Zehen?

Du kannst diese Technik auf deinen ganzen Körper übertragen, die Hände, Arme, Beine… Meistens reicht es im Akutfall schon wenn wir uns auf die Füsse konzentrieren, um uns zu entspannen. Ich lade dich ein, es für dich auszuprobieren.

Warum wir alle dringend mehr meditieren sollten

Wenn Menschen und speziell die Sorte Menschen wie wir es sind, lernen, beim Meditieren ihren Geist zu entspannen, Urteile loszulassen und sich der Stille hinzugeben, offenbart sich uns eine uralte Ordnung mitten im Chaos. In diesem paradoxen Zustand in unserem Inneren finden wir Frieden und Entspannung, nicht in der Welt da draussen. 

Ich wünsche mir, dass noch viel mehr Menschen ihre Zweifel überwinden und den Zugang zur Meditation schaffen.

Also, blib dra und heb dir Sorg`!

Dein Bruno